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  • AutorenbildTravis, Anja & Mel Schwendemann & Schönbächler

Tag 108, 01.09.23

Zweifel auf der Grenze

Mel:

Wir erwarten heute etwas Regen, darum bin ich überrascht als es soweit trocken ist als ich aus dem Fenster blicke. Beim Gang auf die Toilette stelle ich jedoch fest, dass es eher kühl ist. Daher ist das Outfit für den heutigen Tag schnell ausgewählt. Ich laufe mit langem Shirt und Regenjacke los. Um den Hals trage ich meinen Buff und über die Ohren mein Stirnband. Die Handschuhe sind griffbereit in der Seitentasche. So sind auch Bisen auszuhalten.


Kurz nach Beginn der Tour bin ich bereits von dieser urchigen Umgebung fasziniert. Ich komme kaum voran, da ich ständig versuche ein tolleres Stimmungsbild nach dem anderen zu machen. Dabei denke ich ganz fest an meine neue Wohnung, die ich vorübergehend beziehen darf. Dort soll ein Andenken in Bildform nicht fehlen.

Die Natur um mich strahlt eine absolute Ruhe aus. Sogar die gelegentlichen Rentiere stören diese Stille nicht. Ich fühle mich, als ob ich in einer anderen Welt laufen würde. Es liest sich vielleicht komisch, aber diese beruhigende Energie dringt auch in mich ein und ich merke, dass auch in meinem Kopf ruhige Gelassenheit herrscht.

Die letzten Tage waren nicht sehr einfach für mich. Ich war/bin von Unsicherheiten geplagt. Ich vermisse meine Liebsten zuhause, was es schwer macht meine Motivation hoch zu halten.

Ich frage mich daher: Kann ich die Strecke zum Nordkapp laufen? Kann ich weiter jeden Tag ein Soll an Kilometer zurücklegen? Kann ich weiter durch Sumpf stapfen?…

Die Antwort ist ein klares: Ja, ich kann. Aber will ich?

Meine Antwort hier gestaltet sich schwierig. Eigentlich ist es ein Nein. Aber ich weiss auch, sollte ich die Tour jetzt abbrechen, dass ich ganz vieles verpassen werde, was jetzt noch Schönes kommt. Zudem nehme ich mir die Möglichkeit einen grossen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen; ich will Nordlichter sehen!

Dies und viele weitere Überlegungen haben ergeben, dass ich mich äusserte, dass ich die Tour in Kilpisjärvi beenden werde. Dies ist jedoch keine fixe Entscheidung, denn jeden weiteren Tag den wir gehen, ist diese Entscheidung wieder über Bord geworfen. Carla, eine gute Freundin und Arbeitskollegin schreibt mir auf eine Nachricht folgendes: „…Ei frag wo dich vilicht no muesch frege:  hesch sgfühl du wirsch es i de zuekunft bereue, wenn nöd bis ganz ufeglofä bisch oder hesch du dies eigentliche ziel au wenns nöd de ort isch sondern vilicht sgfühl, erreicht?

Will ob dus schaffsch isch gar kei frag, aber wie du seisch willsch es!

Lueg der guet und gnüss es!!! Das wirsch wahrschindli nüm so schnell bis nie meh ha eso. Bis der das ganz fescht bewusst…“


Daher versuche ich die Stille und ruhige Energie um mich zu nützen um irgendwie den „Schalter“ in meinem Kopf umzulegen. Von: bis dahin und dann fertig, alles geplant und vorausschauend. Zu: Ich gehe mal bis dahin und schaue wie es mir geht und was ich mache. Tag für Tag zu nehmen wie er halt kommt. Denn Carla hat recht, so schnell kommt diese Chance für mich nicht wieder. Zudem könnte es tatsächlich so sein, dass ich bei einem verfrühten Abbruch dies bereuen werde. Nach dieser Zeit werde ich andere Schwerpunkte setzen, wobei hier mein Freund Marius eine grosse Rolle spielt.

Eines will gesagt sein, auch am Ende dieses Tages ist mir dafür noch keine „Lösung“ eingefallen. Ich schwanke hin und her von „lauf soweit es geht“ zu „in Kilpisjärvi ist fertig“…


Neben den ruhigen Gedankenspielen in meinem Kopf ist der Tag ein absolutes Highlight. Eine schöne Sicht reiht sich an die nächste. Da stören auch die tiefliegenden Wolken nicht, ebenso wie das bisschen Sprühregen.

Zudem fällt nun auf, dass sich die ganze Vegetation geändert hat. Hier ist der Boden steinig und ausser wenigen Ausnahmen ist der Boden von Moos und kleinen Sträuchern bedeckt. Wir bewegen uns also klar nordwärts.

Nach unserem tagelangen Aufenthalt in Schweden kehren wir heute wieder nach Norwegen zurück. Der gelbe Grenzstein wird daher natürlich feierlich festgehalten.

Nach 16 Kilometern erreichen wir die malerisch gelegene Gautelishytta. Ich freue mich, als sie nach dem letzten Wegabschnitt, der vom ewigen auf und ab begleitet wurde, erscheint. Die Temperatur ist spürbar gefallen, daher freue ich mich bei einem wärmenden Feuer und einer Suppe zu entspannen.

Aufgrund der kurzen Strecke heute, sind wir bereits um 14.00 Uhr vor Ort. Es war ein kurzer Tag, den ich mit allem was er beinhaltet hat, genossen habe.


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2 Comments

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Kurt Eder
Kurt Eder
Sep 06, 2023

Hallo,

von Anfang an lese ich Eueren Blog. Wau, Ihr seit Klasse. Als ich sah, wie Ihr durch den Bach gelaufen seit ...

Ihr seit im Norden angekommen, in einer Landschaft die fordert aber auch so viel geben kann. Ich lese heraus, dass Ihr mental verändert seit. Habt Euch innerlich geweitet, habt Eueren inneren Frieden gefunden. Schön. Wunderschön.

Selbst war ich einige Male in der Landschaft in der Ihr jetzt seit auch im Winter, Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage die Landschaft verändert uns. Vor allem die des Nordens.

Mel, in meinen Augen hast Du eine innere Grenze erreicht. Vielleicht sogar schon überschritten. Du stehst an einem Punkt, den man nicht so einfach erreicht. Du siehst die Welt klarer.…

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Travis, Anja & Mel Schwendemann & Schönbächler
Travis, Anja & Mel Schwendemann & Schönbächler
Sep 07, 2023
Replying to

Hallo Kurt

Wow, dein Schreiben hat uns tief berührt. Wir waren gerade etwas sprachlos. So schön geschrieben. Vielen Dank für deine Worte!

Wie du vielleicht schon gelesen hast, bin ich mittlerweile wieder positiver gestimmt und nehme es wie es kommt.

Ganz liebe Grüsse

Mel

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